Als Vorgeschmack und als praktischen Überblick haben wir einen typischen Arbeitstag (von durchschnittlich 60 Einsatztagen/Trainer) in Form eines Erlebnisaufsatzes nachgezeichnet:

 


 

„Tschüüüüß und Danke“, ruft mir ein Mädchen zu, während es auf seinem Rad dem Papa (ebenfalls auf einem Rad) brav nachfährt. Am großen Parkplatz hinter der Schule zeugen nur noch die bunten Kreidestriche als letzte Überreste von unserem „AUVA-Radworkshop“, der für die örtliche Volksschule abgehalten wurde. Ein Viertklässler der noch auf seinen älteren Bruder aus der Hauptschule wartet fährt noch immer – einsam – die selektive Strecke nach.

Die Sonne steht am Zenit und ich schaue, dass ich mein Zeug in den Anhänger verlade. 12 Hindernisse, 90 Hütchen, mehrere Fahnen und Banner, 10 Materialkisten und obendrauf noch 10 Tretroller. Das ist das Equipment, das ich jeden Tag zweimal in der Hand habe. Heute muss ich einen Roller extra verstauen. Der hat einen Patschen, den ich am Nachmittag flicken werde, damit am nächsten Tag wieder alles rollt.

Nach einem Mittagsmenü in einem schattigen Gastgarten (eine Empfehlung von der Frau Direktor) mache ich mich auf den Weg zur nächsten Schule, die etwa 70 Km entfernt liegt. Den Ortsnamen habe ich noch nie gehört, aber dank Satellitennavigation (Garmin sei Dank) komme ich am kürzesten Weg dorthin.

 

Dank der genauen Anfahrtsbeschreibung (markante Punkte, klare Richtungsanweisungen) habe ich diesmal kein Problem den Veranstaltungsort für den kommenden Tag zu finden.  Die Fläche vor dem örtlichen Fußballplatz ist zwar nicht gewaltig groß aber es gibt genug Buchten und Seitenwege um einen interessanten Parcours bauen zu können.  Zufällig kommt gerade ein Bauer auf seinem Traktor vorbei dessen Hofeinfahrt genau durch „meinen“ Trainingsplatz geht. Ich frage vorsichtshalber nach ob er morgen Vormittag auch hier rausfahren will. Aber er erklärt lachend, dass ihn die Schule schon darüber informiert hat und er auf der anderen Seite noch einen „Hinterausgang“ hat und wir uns daher nicht in die Haare kommen werden. Wunderbar! In Gedanken bekommt die Schule von mir schon eine Eins für die offensichtlich hervorragende Organisation im Vorfeld. Nicht erst einmal ist mir nämlich passiert, dass ich mich völlig unschuldig mit Anrainern herumstreiten musste, weil denen keiner gesagt hat was hier vor ihrer Türe passiert.
Für heute habe ich genug gesehen und mache mich auf den Weg um mein Quartier für die Nacht zu finden. Auch nicht wirklich schwer, wenn die Adresse passt. Die nette ältere Quartiergeberin erlaubt mir die Werkstätte ihres Mannes für meine Rollerreparatur zu nutzen und verrät mir noch einen Geheimtipp für ein kühles Bad in einem Waldteich.

Den Nachmittag verbringe ich mit ein wenig Ausdauertraining, einem Bad im Teich und der Instandsetzung meiner Roller. Nach dem Abendessen zahle ich gleich mein Zimmer und gehe rechtzeitig schlafen denn Tagwache ist um:

05.00 Uhr: Gerade noch Zeit für die Morgenhygiene und die Anfahrt zum Veranstaltungsplatz. Frühstück gibt es um diese Zeit in den allerwenigsten Quartieren. Die nette Dame ist wirklich eine Perle und hat mir ein „Jausensackerl“ gerichtet, das für zwei schwer arbeitende Holzknechte reichen würde.

05.30 Uhr: Etwa zwei Stunden vor dem von der Schule gewünschten Beginn der Veranstaltung bin ich vor Ort und beginne mit dem Aufbau des Parcours. Der ist jedes Mal anders. Angepasst an die örtlichen Gegebenheiten (Steigungen, Hindernisse, freizuhaltende Zugänge). Wo werden die Kinder herkommen? Kann ich kleine Hindernisse wie Anrampungen oder Baumscheiben noch als Sonderhindernisse nutzen? Man glaubt ja gar nicht, wo Kinder mit dem Fahrrad noch überall durchkommen. Nach 1,5 Stunden steht der Parcours und abschließend wird die Fahrtrichtung noch mit Kreidespray am Boden markiert. Jetzt werden die abschließenden Arbeiten durchgeführt und dann bin ich einsatzbereit. Besonders mühsam wird es immer dann wenn noch Autos in dem Parkverbotsbereich stehen die dann später unbedingt wegfahren wollen. Oder wenn um 06.30 Uhr, mitten in der Aufbauphase, der Großbauer mit dem Mähdrescher oder die örtlichen Bauhof-Mitarbeiter grad hier vorbei müssen. Da kommt Freude auf.

Idealerweise sind die vier Eltern, die als zusätzliche Parcoursbetreuer von der Schule zu stellen sind, schon eine Viertelstunde früher am Platz damit ich sie noch in Ruhe einschulen kann. Es kommt noch eine fünfte Person mit den Kindern mit. Damit können die Eltern auch selbst den Parcours mit dem Fahrrad ausprobieren. Nur eine Runde, na geh! Ist gar nicht so leicht, gell? Und wenn ich Glück habe, dann bleiben diese Leute auch die vollen vier Stunden am Platz. Das spart Arbeit – und schafft mehr Zeit für die Kinder zum Radfahren. Die LehrerInnen und Eltern sind ja immer wieder erstaunt wie es uns gelingt, auf einem Parcours bis zu 26 Kinder gleichzeitig fahren zu lassen.

Die Aufregung der Kinder ist körperlich spürbar. Ein großer Tag auf den sich alle schon riesig gefreut haben. Mein Ziel ist, dass alle Kinder gleichzeitig in Bewegung sind und viele neue Erfahrungen machen. Aber natürlich darf sich keiner ernsthaft wehtun. Die Supercoolen müssen sanft aber bestimmt eingebremst werden und die Ängstlichen müssen motiviert werden ihre Grenzen nach oben zu verschieben.  Kinder ohne Helm bekommen einen von uns geliehen, Kinder ohne Rad, oder ohne passendes Rad, oder mit einem schadhaften Rad bekommen von mir einen hochwertigen Tretroller von PUKY.
Nach einer kurzen Erklärung (ca. fünf Minuten), bei der die wichtigsten Verhaltensregeln besprochen werden, geht es auch schon los. Die ersten zehn Minuten sind immer ein wenig chaotisch. Die gewundenen Pfade des Parcours müssen erst erkundet werden und oft fehlt am Anfang der Mut allzu dreist über die Hindernisse zu brettern.  Die Kinder sind hier ziemlich gefordert. Der Parcours hält viele Kurven und Überraschungen bereit. Es dauert etwa zwei Runden bis man die Kurssetzung verinnerlicht hat. Mit Fortdauer des Parcours werden aber die Kinder immer flotter und wendiger. Auch für einen unbedarften Laien ist klar zu erkennen, „nur Übung macht den/die MeisterIn“.

Zeit für den Fahrrad- und Helmcheck. Alle Kinder müssen im Verlauf ihrer Übungsstunde einmal in die „Boxengasse“. Dort schaue ich mir die Räder und die Helme an. Die Ergebnisse werden von der lieben Frau Klassenlehrerin für die Eltern auf der Rückseite einer Urkunde, die jedes teilnehmende Kind erhält, mit dem treffenden Titel „Zeugnis für Mama/Papa“, vermerkt.

Schneller als gedacht ist diese schöne Unterrichtsstunde um. Einige Kinder sind schon ziemlich fertig und froh, dass sie nicht noch mehr Runden drehen müssen. Bei der gemeinsamen Verabschiedung werden die Kinder zu ihren Erlebnissen befragt, jeder bekommt noch ein kleines Geschenk und natürlich gibt es auch eine Hausübung …..für die Eltern :-).

Kaum ist die eine Klasse verabschiedet, steht auch schon die nächste Klasse bereit. Und das Spiel beginnt von vorne.

Das ist natürlich nur der Idealzustand. Als Trainer muss man rechtzeitig überall dort zur Stelle sein wo „ der Hut“ brennt. Kleine Blessuren nach Stürzen müssen mit einem Pflaster und zumeist vor allem psychologisch betreut werden. Manchmal ist es notwendig einen der Eltern-Betreuer noch einmal in seine Aufgaben einzuweisen. Immer wieder werden Defekte an Fahrrädern gemeldet die nach Möglichkeit schnell zwischendurch behoben werden (Kette rausgesprungen u.ä.). Wenn die Gruppen klein genug sind und noch Zeit bleibt können die Kinder auch individuell trainiert werden.

Nach insgesamt vier, manchmal auch fünf Stunden (ohne Pause) ist man als Trainer dann ziemlich geschafft. Wind und Sonne tun ein Übriges. Das Material wird wieder sorgsam verstaut, man verabschiedet sich und steuert die nächste Schule an.

Immer wieder werden wir gefragt wie oft wir das denn so in der Woche machen. Nun in den Monaten Mai, Juni und September ist jeder Trainer in der Regel an 5 Schultagen pro Woche und zumeist für 10 bis 12 Wochen durchgehend im Einsatz.

Kein leichter Job und nicht wenig Verantwortung, welche keinesfalls überdurchschnittlich bezahlt wird. Aber es gibt einen unschätzbaren Bonus für alle Trainer:

Das glückliche Lachen IHRER Kinder und die Erkenntnis, dass sie durch das Training etwas Wichtiges gelernt und auch jede Menge Spaß gehabt haben!